Kirche und Staat – im Wechselbad der Gefühle
EVP- Podium vom 1. Februar im Saalprovisorium der Oberstufenschule Boll
Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat im Spannungsfeld zwischen Tradition und Emotion: Gerhard Baumgartner, Grossrat EVP, begrüsst auf dem Podium den Regierungsratskandidaten Marc Jost (EVP) und Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP). Vor und mit dem interessierten Publikum wird im Saalprovisorium Boll über Finanzdruck, Handlungsbedarf und Werte diskutiert.
Die einladenden EVP-Ortsparteien aus dem Worblental heissen rund 60 Interessierte aus der ganzen Region willkommen, darunter zehn EVP-GrossratskandidatInnen.
Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat werde von verschiedenen Seiten her immer wieder hinterfragt. Was hat die Allgemeinheit davon, dass sie mit öffentlichen Steuergeldern die Löhne der Pfarrer finanziert? Marc Jost plädiert mit grosser Sachkompetenz und Nachdruck dafür, in einer Analyse aufzuzeigen, welchen Gegenwert die Gesellschaft vom sozialdiakonischen Engagement der Kirchen erhalte. Er kann sich sogar vorstellen, dass der Kanton bei den finanziell benachteiligten Freikirchen (Spenden an Freikirchen sind steuerlich nicht abzugsfähig) sozialdiakonische Leistungen mit gemeinnützigem Charakter "einkaufen" würde. Neuhaus gibt zu bedenken, dass sich Bezüger öffentlicher Gelder dann auch einer Kontrollpflicht zu unterziehen hätten.
Moderator Claude Châtelain (Redaktor Berner Zeitung) fragt nach Handlungsbedarf. Neuhaus sieht keinen. Wohl weiss er um den wachsenden emotionalen und finanziellen Druck auf die Kirchen. Er attestiert ihnen auch viel Wertschöpfung, erwartet jedoch klar mehr Innovation und das Nutzen von Synergien anstelle blossen Leistungsabbaus: "Kirche sein ist nicht vom Geld abhängig", so Neuhaus.
Einigkeit demonstrieren die beiden Politiker in der Sicht, dass das Verhältnis zwischen Kirche und Staat nicht "auf der grünen Wiese" (Marc Jost) diskutiert werden könne, sondern die Jahrhunderte alte Geschichte berücksichtigt werden müsse. Christoph Neuhaus relativiert allzu grosse Erwartungen an einschneidende Veränderungen mit Seitenblick auf die laufende Bezirksreform: Manches werde nicht besser, sondern nur anders.
Marc Jost erwartet von der Berner Regierung ein aktives Vorausdenken, welches zumindest zu einer gewissen Reduktion von Emotionen führen könnte.
Offensichtlich vermochte die engagierte Debatte auf dem Podium zahlreiche Zuhörer aus der Reserve zu locken: Das Publikumsmikrofon wurde denn auch lebhaft zum Stellen gezielter und teils sehr konkreter Fragen oder Anliegen genutzt.
Christoph Neuhaus jedenfalls kann etliche konstruktive Impulse zur Entspannung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat mit nach Bern zurücknehmen.
Boll, 4. Februar 2010 Bernhard Bolliger